Russland - Mongolei - China - Vietnam
Reisebericht Russland
Bericht vom Donnerstag, 11. August 2005Hallo alle miteinander Ich bin jetzt schon ein paar Tage unterwegs und es gibt vieles was ich schreiben will. Die Eindrücke sind zahlreich, die Zeit kurz und ich bin nicht einmal sicher, ob ich das Erlebte mir gegenüber schildern könnte. Deshalb versuche ich es einfach, aber seid mir nicht böse, wenn es beim Versuch bleibt. Zur Zeit befinde ich mich in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Aber der Reihe nach. Wo ist der Zug nach Moskau?! Auf dem Ticket Zürich-Moskau nimmt sich die Fahrzeit von 44 Stunden aus wie eine Drohung. Und das mulmige Gefühl wird beim Gedanken an die Transsibirische nicht besser. Nachtzug nach Prag, das Abteil mit einer Schweizer Familie teilend. Zugfahren, wie man es vom Pendeln kennt. Prag kommt schnell und als ich bei genauerer Betrachtung des Tickets feststelle, dass mein Aufenthalt dort nicht eine Stunde, sondern nur acht Minuten dauert, werde auch ich sehr schnell. Ich wetze durch den Bahnhof, steige ein und finde mich wieder in einer lärmenden, kinderreichen, tschechischen Familie. Albtraum auf Rädern. Der Zug ist voll, andere freie Sitzplätze gibt es nicht. Also stehe ich im Korridor, bis mich Müdigkeit und Trägheit die schreienden Kinder ertragen lassen. Erinnerungen an eine Interrailreise vor Jahren werden wach, als wir die polnische Grenze passieren. Die Neonschrift des Bahnhofes Katowice, den wir damals verpasst hatten, und die grellen Buchstaben in der Nacht verschwinden sahen. Heute ist Tag. Ein langer Tag. Ich unterdrücke die Blicke auf den Wecker, der eher rückwärts als vorwärts gehen will. Warschauer Bahnhof, wie ich ihn in Erinnerung habe, die Leute genau so unfreundlich. Die Reise über Minsk nach Moskau steht bevor. Durchquerung der letzten europäischen Diktatur. Irgendwie wird mir die Sache nun doch etwas unheimlich. Am unheimlichsten ist jedoch der Umstand, dass der Zug nach Moskau auf der Anzeigetafel zwar angeschrieben ist, sich auf dem Gleis aber nicht finden lässt. Ein Zug fährt ein. Auf dem Schild deutlich zu lesen: Von St. Petersburg über Moskau nach Frankfurt. Die Zeiger rücken unerbittlich vor, kein Schaffner weit und breit und niemand der englischen Sprache mächtig. Ich renne durch den Bahnhof. Wetze zur allgemeinen Anzeige, zurück auf den Perron, und steige schliesslich mit einem unguten Gefühl ein. Es ist doch der richtige Zug, wie es sich herausstellt. Ein enges Abteil nimmt mich auf. Drei Betten übereinander, von Wand zu Wand kann ich gut einen Arm ausstrecken, ein Waschbecken, auf dem sich Kleiderberge türmen und mitten drin zwei junge Russinnen, eine schüchterner als die andere. Ausfüllen der Zolldeklaration, auf russisch, versteht sich. Zum Glück finde ich zwei Schweizer im Wagen, bei denen ich abschreiben kann. Warten auf die Grenze. Zum Glück ist es dem Weissrussischen Konsulat nach langem hin und her doch noch gelungen, mein Visum richtig auszustellen. Ich lese Anna Politkovskajas In Putins Russland, eine erschütternde Bilanz nach fünf Jahren Putin. Archipel Gulag dreissig Jahre später. Ein Buch, dass analog Solschenizyn nicht in russich veröffentlicht worden ist, sondern als Erstausgabe in Deutsch und Englisch. Zähes Warten in Trestopol, während ein halber Mond den Zug anstarrt. Polnische Zöllner in Brest. Weissrussische. Pass kommentarlos gestempelt. Russische Zöllner. Ausfüllen der russischen Arrivalcard beim Licht des Feuerzeugs: kurzer Stromausfall. Um drei Uhr morgens geht es weiter. Erschöpft lege ich mich schlafen auf einer Pritsche, die so klein ist, dass sogar ich minimaler Mensch, mit angezogenen Beinen liegen muss. Vier Uhr, Wechsel des Fahrgestells von Mittel- auf Breitspurbahn. Zwei Stunden lang arges Rütteln, als führe die Lokomotive mit Absicht gegen die Wagen. Ich erwache erst in Smolensk, Russland, wo ich feststellen muss, dass mein russisches Visum nicht gestempelt worden ist, wie übrigens bei allen, die via Brest gefahren sind. Die ersten 10, 20, 30 Stunden im Zug sind hart. Danach gewöhnt man sich daran und der Zug wird zu einer kleinen Welt, einem fahrenden Mikrokosmos und man erkennt die Fahrt nicht mehr als strapazierende Reise. Später in der Transsib sollte ich dieses Gefühl noch viel stärker kennen- und liebenlernen. Kulturschock in Moskau am Bjelorussbahnhof. Ein riesiger Bau aus Marmor und Beton. Sowjetischer Grössenwahn, draussen asiatisch anmutende Hektik. Stände, Buden, Händler, Polizisten und Prostituierte, so weit der Blick in die Häuserfluchten reicht. Ich brauche Geld. Ein Bankomat lässt sich nicht finden, Fragen bringt nichts. Die Informationstafel hat den Wandel der Zeit nicht mitgemacht und zeigt immer noch die Apotheke, wo schon längst ein Spielwarenladen ist. Also Franken wechseln, in einer Stube, die ich nur per Zufall finde. Erster Kontakt mit dem Phänomen der offiziellen Russen. Simon, ein Engländer aus der Transsib hat es später auf den Punkt gebracht: Die Russen sind das freundlichste Volk der Welt, so lange sie nicht arbeiten und hinter Glas sind. Wie wahr das ist, sollte ich in Moskau brutal lernen. Meine SFr werden von einer älteren Matrone brutal durch den Schlitz gerissen, danach folgt ein längeres Telefongespräch, während andere Kunden genervt die Stube verlassen. Taxi zum Hotel Ismailowo Gamma Delta, auf der anderen Seite der Stadt. Ein fünfzig Jahre alter Schrotthaufen (mein Sitz ist noch mit Kabelbindern am Chassis befestigt) jagt so schnell über rote Ampeln, dass der Tacho gar nicht mehr mitkommt. Müde beziehe ich mein Zimmer im 18. Stock, mit genialem Blick über die Stadt. Ich muss Schluss machen, aber der Rest folgt sicher auch noch. Bleibt gesund und arbeitet nicht zu viel Gruss David
Bericht vom Sonntag, 20. August 2005
Hallo alle zusammen Ich bin immer noch in der Mongolei. Endlich konnte ich mich dazu entschliessen, meinen Reisebericht weiterzuführen. Hier ist er also: Moskau und weiter mit der Transsib.
Reisebericht 2Dennis und Tanja Der Plan zur Besichtigung Moskaus wird gemein durchkreuzt von fehlenden Sprachkenntnissen und Russen hinter Glas. Bis der Zug fährt, habe ich noch einige Stunden. Also will ich den Bahnhof suchen, dann die Stadt ansehen, zurück ins Hotel und das Gepäck holen. Ich erstehe einen Metroplan auf englisch und mache mich auf den Weg zum Yaroslavski Bahnhof, einen von vieren. Ein Metroticket erstehe ich händeringend. Laut Plan liegt der Bahnhof nahe der Station Komsomolskaya, vier Stationen, dann umsteigen auf die Linie 5. Angekommen finde ich jedoch keine Linie 5. Da ist die 4, die 8 und die 10. Mühseliges Suchen im weitläufigen Untergrund. Fragen lohnt sich nicht, dafür beherrsche ich das Njet bald ebenso unfreundlich wie die Schaffner. Not macht erfinderisch. Ich übersetze meinen englischen Plan mehr schlecht als recht durch kyrillische Lettern und fahre auf gut Glück los. Stellt sich heraus, dass mein Plan falsch ist. Nr 5 ist die 4, die 8 ist die 2 und die 12 finde ich gar nicht erst. Endlich erreiche ich Komsomolskaya und frage mich zur Yaroslavskystation durch, mich nach herber Erfahrung an Privatpersonen haltend. Die verbleibende Zeit reicht gerade noch, um das Gepäck zu holen und mich mit Proviant einzudecken. Zugegeben schlecht gelaunt suche ich den Zug, den Wagen, das Abteil. Im Vergleich zu europäischen Zügen sind die russischen recht dunkel. Ein dicker Teppich im Gang, von einem beigen Läufer überlegt, schwere Vorhänge vor den Fenstern und das Licht in den Abteilen ist recht schummrig. Die Türen zwischen den Wagen erinnern an die von Panzern oder Luftschutzkellern. Ich finde mein Abteil, in dem die erste Begegnung stattfinden sollte, die mein schon gemachtes Urteil über die Russen grundlegend verändern sollte. Ich öffne die Tür, gestresst und ohne Nerven, stelle mich auf englisch vor, laut und unwirsch, versteht mich ja eh keiner. Falsch gedacht. Dennis, ein 25-jähriger Russe, etwas schlacksig und mit wirrem Blondschopf, versteht mich sehr wohl. Er kehrt gerade mit seiner Frau Tanja aus St. Petersburg zurück nach Krasnorjarsk, was auch mein Ziel ist. Beide sind ausgesprochen herzlich, auch wenn Tanja kein englisch versteht und Dennis übersetzen muss. Sofort wird Essen aufgetischt, ich als ihr Gast angesehen, obwohl sie doch selber Gäste in der Transsib sind. So lerne ich die viel gelobte russische Gastfreundschaft kennen und erfahre endlich den Unterschied zwischen privaten Russen und Offiziellen. Es entspannen sich nächtelange Gespräche, kritisch über Politik, Ansichten des Westens gegenüber Russland und umgekehrt, wir spielen Schach und bestaunen die endlosen sibirischen Birkenwälder. Schon auf der Landkarte sind Russlands Ausmasse erdrückend. Und vielleicht spürt man diese Endlosigkeit nicht einmal in der Transsib wirklich, auch wenn man tagelang über schnurgerade Schienen donnert. Man fragt die Reisenden nicht nach Stunden, man fragt, wie oft man schläft. Bis Krasnorjarsk schlafe ich drei mal 74 Stunden. Über die Fahrzeiten gibt es unterschiedliche Angaben, nicht selten auch im gleichen Reiseführer. Sicher ist, dass ich nicht mit dem Schnellsten unterwegs bin, da der bis Peking 100 Stunden braucht, allerdings stehe ich dieser Angabe skeptisch gegenüber. Ich kann nicht sagen, wann sich mir die Erkenntnis offenbarte, dass Zeit im Zug keine Rolle spielt. Zwar klingt das einleuchtend und logisch, trotzdem muss man es fast physisch begreifen und akzeptieren, und plötzlich ist die Reise nicht mehr die strapaziöse Fahrt von A nach B, sondern ein entspanntes in den Tag Leben. Man ist zu Hause (im Abteil), bei der Familie (in meinem Fall Dennis und Tanja), besucht Freunde und Nachbarn, geht aus (im Speisewagen, wo die gleichen vier russischen Popsongs in einer Endlosschleife wiederholt werden) oder geht einkaufen bei den fliegenden Händlern auf den Bahnhöfen. Die Atmosphäre an Bahnhöfen ist speziell. Der Landgang der Matrosen. Man trifft sich draussen, in ständiger Angst, der Zug könnte ohne einen wegfahren, während die Wagen mit Frischwasser betankt werden und Arbeiter mit einsernen Stangen die Räder und Bremsen kontrollieren. Ein helles Pling und ein dunkles Plong lauft in monotonem Takt dem Zug entlang. Normalerweise dauert ein Aufenthalt etwa eine halbe Stunde. Ich übe das russische Alphabet und Zahlen mit Tanja, indem wir Schiffe versenken spielen. Der Speisewagen ist der Treffpunkt der Rucksackreisenden. Es ist der Zug über die Mongolei nach Peking, der von den meisten Touristen genutzt wird. Trotzdem sind es nicht viele. Zwölf vielleicht, vorwiegend Europäer. Alle 24 Stunden von Moskau feiern wir die 24-Stunden-Feier. Ich mache sie dreimal mit. Beliebtestes Spiel der Ausländer im Speisewagen ist der Versuch, Pjotr, den bärbeissigen, dicken Koch zum Lachen zu bringen. Wir versuchen alles, schaffen es nie. Obwohl das Gerücht geht, dass es Andrew, dem kleinen Australier gelungen ist. Eine Beobachtung ist seltsam. Die offiziellen Russen, Zugchefs, Personal und so weiter, werden menschlicher, je länger die Reise dauert. Manchmal hat man fast das Gefühl, als würden sie einen mögen. Am letzten Abend schaffe ich es endlich, Dennis und Tanja (meine Russen, um die ich viel beneidet werde, da nicht jeder solches Glück hat, wie ich später selber erfahre) in den Speisewagen einzuladen. Die beiden steigen eine Station vor Krasnorjarsk aus, besuchen Tanjas Eltern. Abschied nach einer sehr intensiven und wunderschönen Zeit. Dass Emotionen auf einer Reise stärker sind ist klar, trotzdem bin ich überrascht, wie stark es mich mitnimmt, als ich meinen Russen Lebewohl sage. Kurze Zeit später fährt der Zug in Krasnorjarsk ein. Ein riesiges Gebäude aus rotem und grünem Stein nimmt mich auf. Böden blitzblank, die Decken hoch wie in einem Dom. Ein gigantischer Platz davor mit drei grossen marmornen Springbrunnen. Beim Schreiben fällt mir auf, dass ich Russland nur mit Superlativen beschreiben kann, sei es die verschwenderische Grösse der Bahnhofsgebäude, die Gastfreundschaft, oder die Unfreundlichkeit der Beamten – ein Mittelmass scheint es nicht zu geben. Mit dem Taxi zur Gastfamilie. Der Wagen hält vor einem russischen Wohnsilo. Es ist riesig, erdrückend, abweisend. Das Treppenhaus starrt vor Schmutz und Fliegen, es ist dunkel, die Glühbirnen an der Decke meistens kaputt. Ich werde herzlich empfangen. Anders als vermutet, ist die Wohnung ausgesprochen hell und geräumig. Ich empfinde dieses Haus als Spiegel der Russen selber. Hart, schroff und abweisend von aussen, aber ausgesprochen freundlich und gutmütig im Umgang, von einer Herzlichkeit, die nicht aufgesetzt, nicht gelogen, sondern wirklich empfunden ist. Anatolyi Brewhanov ist mit seiner Familie selber gerade am Abreisen. Seine Schwiegermutter Luda wird das Haus hüten. Alle in der Familie, sogar der kleine Sohn sprechen sehr gut englisch. Ich erhalte einen Stadtplan mit allen Sehenswürdigkeiten und Busverbindungen, sowie eine Adresskarte in russisch für Taxifahrer. Ich ziehe mich um, dann gehts auf Rundfahrt mit lokalen Transportmitteln. Die meisten sind uralte deutsche Busse, nicht selten ohne Türen und Fenster, aber mit gut erhaltenen Aufklebern wie: Bitte nach hinten durchgehen oder Musik stört, wenns der Nachbar hört. Krasnorjarsk gefällt mir ausgesprochen gut. Es ist weniger hektisch als in Moskau, die Leute sind freundlicher, es ist eben Provinz, auch wenn es sich um eine Millionenstadt handelt. Mit Luda spreche ich vorallem über die Ansichten des Westens gegenüber Russland. Ein Thema, dass die Russen sehr zu interessieren scheint. Allerdings habe ich oft das Gefühl, als wollten sie sich rechtfertigen gegen Vorwürfe, die ich gar nicht gemacht habe. Alles in allem hat es mir in Krasnorjarsk wirklich gut gefallen. Ein Ereignis überschattet jedoch meinen Aufenthalt. Es ist eine gute Stunde vor Abfahrt des Zuges nach Irkutsk. Ich stehe auf dem grossen Platz vor dem Bahnhof, das Gepäck im Schliessfach. Eine Zigeunerin kommt auf mich zu, bettelt. Ich gebe ihr den Zehn-Rubelschein, den ich gerade in der Hand halte, als sie plötzlich laut auf russisch auf mich einredet. Ich sage, dass ich nichts verstehe, will gehen, da werde ich plötzlich von einer Horde aus dem Nichts auftauchenden Frauen und Jugendlichen umzingelt. Ich spüre Hände überall am Körper, in den Taschen. Ich schlage wahllos zu. Geschrei, jemand geht zu Boden, ich spüre einen Schlag in den Rippen. Wie ein Wilder packe ich die Hand in meiner Brusttasche, breche das Gelenk, und trete das Knie weg. Obwohl alles wahnsinnig schnell vor sich ging, sehe ich es immer noch ganz klar. Nach gespenstischen Sekunden stiebt die Horde so schnell auseinander, wie sie gekommen ist, verschwindet, ich weiss nicht wo, als die auf dem Platz allgegenwärtige Miliz mit Kalaschnikovs im Anschlag anrennt. Die Frau mit gebrochenem Hand und Kniegelenk wird verhaftet und weggetragen, ein Halbwüchsiger mit stark blutender Nase eingeholt und ebenfalls verhaftet. Adrenalingekickt, mit zitternden Händen folge ich der Miliz auf den Posten, kaufe unterwegs zwei Flaschen Vodka, für alle Fälle. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Die Bande ist bekannt, die Soldaten selber Zeuge. Trotzdem werden die Personalien aufgenommen. Man spricht gebrochen englisch und deutsch, mit viel Handzeichen und Zeichnungen. Nein, keine Anzeige, mein Zug fährt. Unterzeichnung mehrerer Formulare auf russisch. Schnell, mein Zug fährt, dawai, dawai. Ich gebe den Vodka dem Polizisten, dessen Maschienenpistole noch immer von seiner Schulter baumelt. Angabe von Adresse und Telefonnummer meiner Gastfamilie in Irkutsk. Man lässt mich gehen. Bilanz: ein paar blaue Flecken, etwa 20 Franken in Rubel gestohlen, dazu zwei Fünf-Dollar-Scheine. Im Zug plagt mich das schlechte Gewissen. Natürlich ist es Notwehr gewesen, natürlich konnte ich nicht überlegen und tue einfach, was ich mir über Jahre antrainiert habe. Natürlich bin ich im Recht. Aber die Spitalkosten für die Frau werden einiges höher sein, als die Beute, wenn man sie überhaupt behandelt. Zigeuner hasst man, denen hilft man nicht. Ich frage mich, ob sie überhaupt je wieder wird gehen können. Die Sache findet einen guten Abschluss am zweiten Tag in Irkutsk. Erstaunlich schnell für die russische Polizei lässt man meine Gastfamilie wissen, dass für mich alles in Ordnung sei, und ich das Land ohne Probleme verlassen könne. So, genug geschrieben für heute. Ich hoffe ihr habts alle gut, bleibt gesund und denkt ab und zu an mich ... Tschüss David
Bericht vom Dienstag, 11. Oktober 2005Hallo alle miteinander Ich bin in Peking angekommen. Zuvor war ich etwa einen Monat in der mongolischen Wildnis und war somit nicht im Stande eure Mails zu beantworten. trotzdem freue ich mich sehr, von euch zu hören. ich werde mich jetzt also zusammennehmen und die Berichte weiterführen.
Reisebericht 3Endlich in der Mongolei Der Zug Krasnorjarsk – Irkutsk ist tief russisch, praktisch keine Touristen an Bord. Es ist der traditionelle rot-blaue Express nach Wladiwostok. Die Reise ist kurz, eine Übernachtung. Wieder werde ich mir der enormen Weite Russlands bewusst. Morgens um sechs erreichen wir Irkutsk, 80 Kilometer vom Baikalsee, dem grössten Süsswasser-Reservoir der Erde. Es mag sein, dass er flächenmässig nicht der grösste ist, mit 1600 Metern Tiefe ist er aber der wasserreichste. Über die Wasserqualität lässt sich streiten. Die Angaben unterscheiden sich, je nach dem, von welchem Land ein Gutachten ausgestellt worden ist. Meine Gastfamilie lebt fast ausschliesslich vom Zimmervermieten. Ich wohne in einem typischen sibirischen Holzhaus. Diese sind ähnlich den skandinavischen, jedoch mit barocken, verschwenderischen Fenstern und Türverkleidungen, während die Häuser meistens windschief stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man im Winter darin leben soll. Noch schlimmer in den schrebergartenähnlichen Siedlungen entlang der Schienen. Irkutsk ist zu touristisch für meinen Geschmack. Ausflüge an den See werden zwar angeboten, sind jedoch sündhaft teuer und für einen längeren Trip durch die Wälder ist die Zeit zu knapp. Ich schlage die Zeit tot mit Herumschlendern und Sitzen in den wenigen guten Caffees. Ich bin nicht unglücklich, als mein Zug weiter Richtung Mongolei fährt. Regionalzug, Transmongolisch, hält in jedem kleinen Nest und braucht zwei Nächte bis Ulaan Bator (woran jedoch vor allem die Grenze schuld ist). Einen Speisewagen gibt es nicht, ich kaufe etwas Brot und goldenen gebackenen Fisch von den fliegenden Händlern am Bahnhof. Ich habe ein Abteil für mich alleine, ein Luxus, für den ich später teuer bezahlen sollte. Leider ist es Nacht, als sich die Landschaft verändert. Die endlose Weite weicht Hügeln, die ausgedehnten Fichten und Birkenwälder werden zu brauner Tundra, spärlich bewachsen, steppenartig. Meinen Mitreisenden bekomme ich morgens um sechs. Ein 40-jähriger Russe mit dunklem, verkniffenem Gesicht. Er steigt ein, rüttelt mich wach. Yuri, stellt er sich vor. Ich murmle meinen Namen und drehe mich um. Abermaliges Rütteln an der Schulter. Ob ich Wodka wolle. Nein, ich will schlafen. Umdrehen, Rütteln, ob ich Essen hätte. Ich gebe ihm etwas von meinem Brot. Endlich lässt er mich schlafen. Als ich aufwache ist kein Brot mehr da, Fisch auch nicht, dafür weicht mir Yuri nicht mehr von der Seite. Gehe ich rauchen, kommt er mit, stelle ich mich im Gang ans Fenster, stellt er sich daneben, hole ich heisses Wasser vom Samowar, braucht er auch welches. Dazu plappert er unaufhörlich auf russisch und verlangt schulterrüttelnd Aufmerksamkeit, wenn ich mich genervt abwende. Endlich kommt die Grenze. Vier Stunden Landgang. Aus vier werden sieben, aus sieben zehn. Der Zug wird peinlich genau durchsucht, Gepäckstücke jedoch nicht angerührt. Auf dem, dem Bahnsteig anschliessenden, kleinen Markt kaufe ich mir eine Wurst fürs Frühstück. Weshalb die Russen den Zug zehn Stunden lang in Beschlag nehmen, weiss ich nicht. Jedoch soll es immer so sein und niemand kennt eine befriedigende Erklärung. Weiterfahrt auf die mongolische Seite. Nochmals zwei Stunden warten. Seltsamerweise sieht man in Russland nur europäische Gesichter, nach der Grenze nur noch asiatische. Auf dem Bahnsteig wird man von Bettelkindern bestürmt, das Zugpersonal hat alle Hände voll zu tun, um eingestiegene Kinder wieder hinauszubefördern. Mir fehlt nichts, als der Zug wieder abfährt. Dafür fehlt mir die Wurst, als sie mich morgens kurz vor Ulaan Bator wecken. Mit schuldbewusster Miene bietet mir Yuri Wodka an. Morgens um fünf trinke ich aber keinen Wodka, ausserdem habe ich um diese Zeit sowieso meistens schlechte Laune, welche sich nun an Yuri entlädt. Ich brauche dringend Privatsphäre und nehme das erstbeste Einzelzimmer. Fazit über Russland: Was immer man über diesen Staat sagen möchte, ich liebe es, trotz aller haarigen Erfahrungen. Ich bereue es, dass ich mir für dieses Land nicht mehr Zeit genommen habe und werde das ganz sicher eines Tages nachholen. Laut Ticket habe ich eine Woche Zeit in Ulaan Bator. Markus ist gerade für ein neues Visum nach Peking geflogen und kommt einen Tag später wieder an. Wir treffen uns im Tschingis Backpackers, einem günstigen Hotel mit Dormitories. Sein Ziel, die Mongolei von Osten nach Westen zu durchwandern, hat er nicht ganz geschafft (woran namentlich die Einreisebestimmungen schuld sind, wonach man nur ein Monatsvisum bekommt, das man einen Monat verlängern kann, aber nicht mehr). Ich merke erst allmählich die Strapazen der Zugreise. Ich schlafe viel, relaxe in Restaurants, lasse es mir gut gehen. Wir planen einen Trip in den Westen, wobei wir zuerst nach Ulaan Gom im Norden wollen, und uns von dort aus zu Fuss weiter an die Kasachische Grenze durchschlagen. Ich verlängere mein Visa. Gerade als wir uns nach tagelangem Gammeln endlich zur Abreise entschliessen können, verknackst sich Markus den Fuss. Abchecken im Spital. Er wird von einem Raum in den nächsten gehetzt, alles auf einem Bein humpelnd und ich kann mich fast nicht halten vor Lachen, wenn er wieder einmal am Wartezimmer vorbeikommt. Zum Glück ist nichts gebrochen. Trotzdem können wir uns den Wandertrip vorerst abschminken. Wir bleiben in Ulaan Bator und geniessen die Stadt, solange wir zum Stillstand verurteilt sind. Ich habe von euch viele Mails betreffend des schlechten mongolischen Essens bekommen. Dieses Vorurteil möchte ich nun widerrufen. Das Speiseangebot ist zwar nicht reich, es gibt fast kein Gemüse, ausser importiertes, dafür um so mehr tierische Produkte. Zugegeben, ein Vegetarier sollte nichtdort hin. Liebt man Fleisch, dann ist es jedoch das Paradies. Ich weiss nicht genau, zu welcher Volksgruppe ich die Mongolen zählen soll. Sie wissen es übrigens selber nicht. Sie sehen zwar aus wie Asiaten, benehmen sich aber nicht so. Von den anderen Asiaten werden sie Bananen genannt: aussen gelb und innen weiss. Mir kommen sie vor, wie die Gallier aus Asterix. Freundliche, offene, hilfsbereite Menschen, die aber in Massen saufen, sich ständig prügeln und alles tun, dass man sie nicht einer bestimmten Volksgruppe zuordnen kann. Ich mag sie. Der Reiseführer sagt über Ulaan Bator: die Hauptstadt der Taschendiebe und nachts nicht alleine ausgehen. Ich weiss von vielen, denen Sachen gestohlen wurden, mir ist es aber nicht passiert. Was das Ausgehen betrifft, ist wirklich Vorsicht angesagt. Schlägereien sind an der Tagesordnung, allerdings prügeln sie sich nur untereinander. Und obwohl auch wir ab und zu in unangenehme Situationen geraten sind, ist uns nichts passiert. Zu den Schlägereien ist auch noch etwas zu sagen. Kommen zwei Freunde in eine Bar und haben eine Meinungsverschiedenheit, wird zugeschlagen. Alle sind sich das gewohnt, auch wir schauen uns immer seltener danach um. Man stellt die Streithähne raus, dort geben sie sich ordentlich auf die Fresse, dass das Blut spritzt, eine halbe Stunde später ist man wieder gut Freund, die Sache vergessen und man trinkt ein Bier zusammen. Irgendwie kommen sie mir alle vor wie Kinder. Und es ist diese kindliche Unbeschwertheit, diese kindliche Art Probleme anzusehen und zu lösen, die mir die Mongolen ausserordentlich sympathisch machen. So, für heute mache ich Schluss und verspreche, dass ich das Mongoleiabenteuer so bald als möglich schreiben werde. Bis dahin, haltet euch gut und macht nichts, was ich nicht auch machen würde
David |