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Warum kommt Myriam zu spät

Es ist kalt. Alle Kinder sind bereits im Kindergarten - bis auf Myriam. Seit drei Tagen erscheint sie zu spät, ausser Atem, die Jacke offen, ohne Mütze und ohne Znüni.
Diese Situation wiederholt sich regelmässig; Myriam hat meistens keine Erklärung für ihre Verspätung. Manchmal erzählt sie lange Geschichten von verlorenen Hunden oder Katzen oder von Tobias, dem kleinen Bruder.
Lisa Gisler*, die Kindergärtnerin, weiss, dass sich Myriam nach dem Umziehen problemlos ins Alltagsgeschehen vertiefen wird - bis zum Schluss, wenn es Zeit wird heimzugehen. Dann scheint Myriam alle Zeit der Welt zu haben, bis sie endlich angezogen und für den Nachhauseweg bereit ist.
Myriam ist ein altkluges Kind, das viel weiss und erzählt, das aber niemandem ganz vertraut. Sie spielt mit allen Kindern und hat eine gute Stellung in der Gruppe. Im Kindergarten scheint sie aufzublühen und die Welt um sich zu vergessen. Kaum draussen, wirkt Myriam sehr allein und verletzlich. Nie nimmt sie jemanden mit nach Hause, selten geht sie zu andern zum Spielen.
Am Anfang des Kindergartenjahres wartete Myriams Mutter scheu vor dem Gartentor, in letzter Zeit kommt sie manchmal in die Garderobe. Lisa Gisler ist es nicht möglich, mehr als nur einige oberflächliche Worte mit der Mutter zu wechseln. An Elternveranstaltungen ist Myriams Mutter meist anwesend, aber ohne Kontakt zu andern Eltern. Den Vater sieht man nie im Kindergarten.
Schliesslich häufen sich die Tage, an denen Myriam zu spät kommt. Myriam selbst schwebt mit ihren Erzählungen immer mehr in den Wolken und wirkt zeitweise richtig verwahrlost.

Das Unbehagen der Kindergärtnerin
Lisa Gisler spürt zunehmend ein Unbehagen, das sie aber nicht richtig in Worte fassen kann. Dies ist für jede Kindergärtnerin eine bekannte Situation. Wie weit ist das Verhalten eines Kindes von familiären Strukturen, vom Machtgefälle innerhalb eines Familiensystems geprägt?
Die Rolle, in der die Lehrperson in der Schule oder im Kindergarten handelt, ist. klar definiert: Die Lehrperson ist zuständig für das Kind im Klassenverband, für seinen Lernerfolg. Für die familiäre Situation kann sie keine Verantwortung übernehmen.
Die Tatsache, dass jedes Kind ausser seiner eigenen Person seine persönliche Familiengeschichte mitbringt, ist zwar allen bewusst, kann aber im täglichen Kindergartengeschehen leicht untergehen. Dass das Kind in einer belastenden Situation lebt, ist unter anderem an seinem Verhalten, an Äusserlichkeiten, wie zum Beispiel unadäquate Kleidung oder ungepflegtes Äusseres und an den Kontakten zwischen Eltern, Kind und Lehrperson erkennbar. Die Beziehung zwischen den Eltern und der Lehrperson ist die Ebene, auf dem das Kind Unterstützung erhalten kann. Die Frage, wie die Lehrperson Kontakt zu den Eltern aufnehmen kann, ohne aus ihrer Rolle zu fallen, ist dabei zentral.

Familiengesetze prägen die Welt des Kindes
Kinder wachsen in den verschiedensten Familiensituationen auf und können sich gut an die jeweiligen Umstände anpassen. Sie hinterfragen lange nichts; denn was sie kennen, ist ihre Welt. Kinder, vor allem im Vorschulalter, sind existenziell auf ihre Familie angewiesen, sie sind noch vollständig mit den Eltern verbunden. Die Regeln ihrer Familie sind Gesetz, sie können sich ein anderes leben nicht vorstellen. Das Kindergartenkind ist in einem Alter, in dem es ohne grosse Rücksicht auf gesellschaftliche Normen und Werte handelt. Wenn es belastet ist, zeigt es das in irgendeiner Form und kann nichts. bewusst überspielen. Dieses Verhalten ist für Eltern, die in schwierigen Lebenssituationen leben, immer auch eine Gefahr. Viele Fragen beschäftigen sie: Was erzählt das Kind - und wem? Wird das Kind im Kindergarten stigmatisiert? Verliere ich als Mutter mein Gesicht, wenn offenbar wird, dass es in der Ehe nicht klappt, dass ich depressiv bin.. dass der Vater gewalttätig ist, dass...? Diese Sorgen, zusammen mit den Schuldgefühlen, dem Kind nicht gerecht zu werden, erzeugen bei den Eltern zusätzlichen Stress.
Bis sich die Eltern einer problematischen Situation bewusst werden und Hilfe holen, kann viel Zeit verstreichen. Es ist scheinbar einfacher, alles zu verdrängen und darauf zu hoffen, dass niemand etwas bemerkt. Die Vermeidungsstrategien können sehr ausgefeilt und komplex sein. Solange das Kind noch nicht in den Kindergarten geht, können sich Familien auch mit schwierigen Problemstellungen gut einrichten. Niemand hat Einsicht in das Familiensystem. "Mit dem Kindergartenbesuch wird die Gefahr der Veröffentlichung des Problems plötzlich akut. Das ist bedrohlich, aber auch eine Chance zur Veränderung. Genau in diesem Zwiespalt stecken viele Mütter und Väter, so auch Marianne Koller, die Mutter von Myriam. Sie bringt das Kind und holt es oft vom Kindergarten ab. Sie möchte gerne sprechen, hat aber zugleich Angst vor zu viel Nähe, vor dem Sichtbarwerden ihres Problems.

Die Rolle der Lehrperson
Es ist nicht die Aufgabe einer Lehrperson, sich mit den Problemen der Eltern zu befassen und dafür Lösungen zu suchen. Die Lehrperson nimmt das Kind wahr und befasst sich aufgrund von Auffälligkeiten in seinem Verhalten oder in seiner Erscheinung auch mit den Eltern. Die Rolle der Lehrperson schreibt klare Parteilichkeit für das Kind und für die Klasse vor. Dies ist die Motivation, sich bei Auffälligkeiten mit den Eltern zu besprechen. Nicht als Anklägerin, nicht als Sozialarbeiterin, nicht als Therapeutin, sondern als Lehrperson, die aufmerksam geworden ist und zu verstehen versucht, was wichtig ist. Mit dieser offenen Haltung, mit dem Respekt vor der schwierigen, vielleicht sogar unwürdigen Situation, in der jemand lebt, ist es möglich, auf Eltern zuzugehen. Auch wenn die Lebensform einer Familie nicht gesellschaftskonform erscheint, ist es doch eine Lebensform, die diese Familie gewählt hat, in der sie lebt oder leben muss. Fühlen sich die Eltern von der Lehrperson akzeptiert, verliert der Kindergarten das Bedrohende und es entsteht eine Basis des Vertrauens, auf der sich das Kind geborgen fühlen kann. Es bekommt die innere Erlaubnis der Eltern, sich im Kindergarten wohlfühlen zu dürfen. Gerade für ein Kind in einer stark belasteten Situation ist es lebensnot wendig, dass es einen Ort hat, in dem es ohne jede Bedingung einfach Kind sein und für einige Zeit die Sorgen zu Hause vergessen kann. Jedes Kind hat das Recht, nicht auf die Probleme der Eltern, auf die familiäre Situation reduziert zu werden.

Der richtige Zeitpunkt zum Handeln?
Die Kindergärtnerin begann zu beobachten, sich Notizen zu machen. Nach einiger Zeit war sie sicher, dass Myriams Verhalten auffallend ist. Auch registrierte sie, dass sich die Mutter jeweils in verschiedenen Verfassungen (z.B. verlangsamtes Sprechen, verschleierter Blick, Verletzungen an den Unterarmen) im Kindergarten zeigte. Myriams Situation löste in Lisa Gisler verschiedenste Gefühle und Hypothesen aus.
Dies ist der Zeitpunkt zu handeln, die eigenen. Empfindungen zu überprüfen und sich mit einer Vertrauensperson, allenfalls einer Fachperson, auszutauschen und zusammen die weiteren Schritte zu planen. Das Elterngespräch überhaupt und vor allem in dieser Situation verlangt gute Vorbereitung: Es muss in Ruhe durchgeführt werden können, auf keinen Fall zwischen Tür und Angel, und alle Beteiligten müssen gleichwertige Sitzplätze haben. Vertrauensbildung ist für das erste Krisengespräch bereits ein grosses Ziel.
Um der Mutter von Myriam eine offene Ja-Haltung zu ermöglichen, ist der Einstieg für den Verlauf des Gesprächs entscheidend. Man kann davon ausgehen, dass Marianne Koller sich als schlechte Mutter fühlt. Somit sind die Machtverhältnisse im Gespräch einseitig und es braucht viel Fingerspitzengefühl, um der Mutter einen Rahmen zu geben, der ihr Sicherheit bietet. Der Einstieg mit der Besprechung aller positiven Aspekte des Kindes entlastet die Mutter und stärkt ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl.
Eltern mit Schuldgefühlen sind in einer Abwehrhaltung. Auf Vorwürfe reagieren sie sofort mit Distanz. Ein Gespräch über mögliche Veränderungen macht erst Sinn, wenn eine Vertrauensbasis geschaffen werden konnte und für die Eltern kein Gesichtsverlust zu befürchten ist.
Die Kindergärtnerin schafft eine Ebene, in der Marianne Koller zugeben kann, dass ihr manchmal alles zuviel wird, dass sie oftmals keinen Sinn mehr sieht im täglichen Auf und Ab, ohne Hilfe des Mannes, aber konfrontiert mit seinen grossen Ansprüchen. Er fordert eine problemlos funktionierende Familie, eine aufgeräumte und saubere Wohnung, eine immer tipptopp gekleidete Frau, gut erzogene Kinder, usw. Die Mutter ist überfordert, schafft es am Morgen kaum mehr aufzustehen, putscht sich oft mit Medikamenten oder Alkohol auf.
Die Mutter kann all die aufgestauten, versteckten Gefühle und ihre Angst endlich aussprechen. Dies erleichtert ihre Situation. Sie wird nicht verdammt. Diese Erfahrung ist wichtig. Der Respekt vor Marianne Koller, vor ihrem schwierigen Verhalten, die Probleme mit Medikamenten, Alkohol und Selbstverletzung in den Griff zu bekommen, verbieten Lisa Gisler, die Mutter zu verurteilen. Sie signalisiert Verständnis für die Situation, weist aber darauf hin, dass Myriam diese Sorgen der Mutter mitbekommt und auf ihre Weise reagiert. Die Mutter weiss dies und fühlt sich deswegen schuldig. Schuldbewusstsein und Schuldzuweisung lähmen und verhindern zugleich, die Situation positiv anzugehen. Marianne Koller erlebt dies jeden Tag zu Hause.

Wertschätzung und Vertrauen als Basis
Die Kindergärtnerin versucht, die Mutter zu motivieren, sich Hilfe zu holen. Sie gibt ihr Adressen von spezialisierten Stellen und zeigt ihr so ihr Interesse.
Die Lehrperson muss die Balance zwischen Empathie und übernehmen der Problematik beachten. Marianne Kollers schwierige Lebenssituation kann Lisa Gisler nicht ändern, sie zeigt aber Verständnis dafür. Ob und in welchem Umfang Marianne Koller sich bei den spezialisierten Stellen selber Hilfe holen kann, ob es ein weiteres Gespräch oder einfach mehr Zeit braucht, bis sie bereit ist, für sich Hilfe anzunehmen, muss die Mutter selber entscheiden. Wenn das Wohl des Kindes aber offensichtlich gefährdet ist (z.B. bei Misshandlung), muss sich die Lehrperson, auch gegen den Willen der Eltern, an den Schularzt, an Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe oder an die Vormundschaftsbehörde wenden.
Die Situation von Myriam und ihrer Mutter ist für jede Lehrperson eine Herausforderung, die sich in jedem Kindergarten immer wieder anders zeigt. Dass die Situation von Myriam in der Lehrperson verschiedene Gefühle auslöst, ist natürlich. Hypothesen, die sich bei ihr einstellen, sind normal. Wichtig ist, wie sie damit umgeht. Im schlechtesten Fall gibt sie diese unzensiert an die Eltern weiter und vergibt sich damit die Chance, Vertrauen zu gewinnen. Nicht hinzuschauen, damit man nicht mit schwerwiegenden Problemstellungen konfrontiert wird, ist auch keine Lösung, denn das Verhalten des Kindes erfordert den Blick auf die Eltern.
Gefühle und Hypothesen mit einer Kollegin oder in einer Praxisberatung zu besprechen, ist enorm wichtig. Wo besteht Unsicherheit, welches sind die Möglichkeiten und Grenzen der Lehrperson? Wie gestaltet sie das Gespräch? Welche Stellen müssen eventuell eingeschaltet werden (Kindesschutz)? Dies sollte nicht allein angegangen werden. Zu schnell reagiert man emotional, übernimmt zu viel Verantwortung und verliert dabei seine parteiliche, sprich: professionelle Haltung für das Kind.

*Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.

Aus Kindergarten April 2002, Nr.4

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